Im kleinsten Kaff ist Raum für die Welt

Eine Kirchenruine in Frankreich. Eine von vielen. Seit Jahren genießen wir immer wieder die Atmosphäre mit Gräbern und Gräsern rundherum. Diesem Jahr stellt Danielle Yvetot dort Glaskunst aus. Sie hat die Kirchenfenster neu gestalten. Auch andere Künstler stellen dort aus. Wir sind überrascht.

In einem anderen kleinen Ort, der um ein Vielfaches kleiner ist als mein derzeitiger Wohnort (in dem Geschäftsräume leer stehen und Parks verkommen), haben Künstler ein leerstehendes Haus unter sich aufgeteilt. Sie stellen sich abwechselnd hinter einen Tisch, um dort das Geld einzunehmen. Ansonsten schlendert der Besucher durch die Räume und staunt, was man so alles mit Dingen aus dem Baumarkt und aus dem Meer anfangen kann. Ich kaufe mir einen Hut von Chiffons Papillons Créations.

Auf dem Markt gibt es seit Jahren diesen Stand des Vietnamesen. Er hat mittlerweile ein Restaurant. Seltsam, dass man in Frankreich beim Vietnamesen wirklich Leckeres bekommt. Warum geht so was bei uns nur mit Soße? Unsere französischen Freunde vermuten, dass der Vietnamese in Frankreich einfach macht, während wir in Deutschland amerikanisiert sind und alles nur mit Soße Geschmack bekommt. Außerdem kann es sein, dass die EU Schuld ist. Es ist die Zeit des Brexit. Wir sehen uns vorsichtig um in dem Café, in dem wir unseren Cidre schlürfen. In diesem Jahr sehen wir mehr Engländer als sonst. Oder ist das nur unsere geschärfte Aufmerksamkeit für Großbritannien?

Zuhause packe ich die Dreckwäsche in die Waschmaschine und sortiere die Visitenkarten. Ein Künstler ist darunter, der hat bloß seine Adresse auf einen Zettel gekritzelt. Er hatte Zeichnungen an Straßenrändern postiert und dafür gesorgt, dass die Zeitung über ihn berichtet.
Manche Homepages sind armselig, völlig ohne Informationsgehalt. Nach 2 Stunden am Computer geh ich einkaufen, vorbei an leerstehenden Geschäften zum CAP-Markt, wo Menschen mit Behinderung einer WfbM der AWO tätig sind. Immerhin haben wir Freifunk. Ich setze mich auf den Dorfplatz in die Sonne, um Twitter zu öffnen. Ein Mann setzt sich neben mich und fragt, was der Garten macht. Ach ja, der Garten. Da wartet eine Menge Arbeit auf mich. Die Ackerwinde! Wenn man aus der was Nützliches machen könnte. Er gratuliert mir zur gesunden Hautfarbe und ich erzähle von Frankreich. Wir reden über die EM und Nizza und verabschieden uns dann.

Ich bin wieder da, wo ich wohne, wenn auch immer noch nicht Zuhause.

Krüppelbewegung 2.0

Gehen Sie auch immer so gerne auf die REHACARE? Sollten Sie mal machen. Da ist die Welt für Menschen mit Behinderung in Ordnung. Es macht richtig Spaß, die ganzen Hilfsmittel auszuprobieren und die vielen begeisterten Gesichter zu sehen. Ist wie Kirmes. Einige Jahre bin ich mit anderen gemeinsam hingefahren, aber das mach ich nicht mehr. Es ist absolut frustrierend, wenn man anschließend an Anträgen auf Hilfsmittel scheitert oder die Betreuer einem sagen, dass das nicht geht. Das waren die Jahre nach der Krüppelbewegung, die ich noch mit Sympathie, aber aus der Ferne beobachtete. Eigentlich war sie durch die gute Versorgung in Deutschland überflüssig geworden. Ja. So dachten wir. Dann war die Zeit, in der die Brille durch die Krankenkasse bezahlt wurde, auf einmal vorbei. Es gibt eine Wahnsinns-Gesundheitsindustrie. Kaum zu durchschauen. Ist für jeden was dabei. Krüppel sagte man schon damals nicht mehr. Das durften nur die Betroffenen selber.

Derweil tropft es in ein Faß und das beginnt nun grad mit der Verabschiedung des Teilhabegesetzes über zu laufen. Aber da wir es mittlerweile gewohnt sind, dass jeder seines Glückes eigener Schmied ist, kriegen wir außerhalb von Berlin wenig mit von der neuen Krüppelbewegung. Die Mehrheitsgesellschaft, die laut UN-Menschenrechtskonvention die Verantwortung trägt für das wohl und Wehe aller zu ihr gehörenden Kreatur, findet Stephen Hawking grad noch bemerkenswert und trägt stolz Mode aus dem Hause inkluwas. Aber wen interessiert schon, dass der Nachteilsausgleich auf das Vermögen des Ehepartners angerechnet wird und dass die Privatwirtschaft (z. B. das Kino) keinen Vertrag mit Barrierefreiheit hat.

Informieren sie sich gefälligst.

Oder bereiten Sie sich schon mal darauf vor, in 50 Jahren den Nachgeborenen zu erklären, wie es kommen konnte, dass in Deutschland trotz Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention Menschen mit Behinderung in Abhängigkeit leben mussten und in Altersarmut enden.

Die Norm ist nur ein Aspekt, wenn es um Einladungen geht

An Schülerin lernte ich, nach der historischen Entwicklung von Worten zu schauen. Hier: normal kommt von Norm. Und: was heißt “Aspekt”.

Wenn ich Menschen einlade, beispielsweise um ein Fest zu feiern, habe ich die im Auge, mit denen ich feiern möchte.

  • Was essen und trinken sie gerne?
  • Womit möchte ich sie erfreuen?
  • Haben alle Platz?
  • Wird es reichen? 

Fußgängerzone mit Hinweisschild zum  Behinderten-WC
Wenn es um Menschen mit Behinderung geht, endet die Norm. Damit endet auch die Bereitschaft, alle Gäste in meine Planungen einzubeziehen?

Außer der Norm / der Normalität gibt es weitere Aspekte: Zufriedenheit, Freundschaft, Gesundheit, Bildung, … Komplettieren Sie selbst.

Foto: Dorothee Janssen, CC by-sa 4.0

Normal muss nicht gut sein

A: Wir setzen Normen, um unser Zusammenleben besser organisieren zu können. Beispielsweise normieren wir Spurbreiten für Schienen und setzen DIN (Das kennen wir, wenn es um Papier geht).

B: Wir passen uns, so gut es geht, an diese Normen an. So kommen wir besser klar. Wir können die Bahn besser nutzen. Wir können besser mit anderen kommunizieren.

C: Wir halten Normalität für gut und Nichtnormalität für nicht gut.

So dumm sind wir: Wir folgern aus A -> B und B -> C folgt A-> C. Finde den Fehler.

Du findest ihm ruckzuck, wenn du Freunde mit Behinderung hast. Freunde mit Behinderung erweitern den Horizont.

Ein Hotspot namens Moria

Der Tolkienfan zuckt zusammen und wer matrix liebt, wird sich ernsthaft fragen, ob seinem Programmierer die Ideen ausgegangen sind.

In der Karwoche 2016 kommt die Meldung, dass ein Flüchtlingscamp, das Hotspot ist (so eine Politikeridee, ich schreib da weiter nichts zu, das kann man in Presse/Funk/Fernsehen und sonstwo nachlesen) Moria heißt. Mit ist schon klar, warum. Das hat natürlich nichts mit Tolkien zu tun. Ich bin nur verwirrt.

Moria

In der Karwoche 2016 haben Terroristen in Brüssel zugeschlagen (auch das kann man anderswo nachlesen). Wir machen uns hier in Zentraleuropa jetzt Gedanken um unsere Sicherheit. Derweil verlassen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen den Hotspot Moria, weil sie schlicht unfähig sind, auf das Elend zu reagieren. Zu wenig Unterkünfte, zu wenig Toiletten, zu wenig von allem und niemand, der zuständig ist.

Wir können Fußballweltmeisterschaften organisieren.

Ich mach mich jetzt mal auf die Suche nach dem für mich zuständigen Programmierer.